Von Bankbilanzen und Marktplätzen

Seit das europäische Bankwesen im 13.Jahrhundert in Florenz begründet wurde, betreiben Banken Transformationsgeschäfte. Dabei dient die Bankbilanz als Zwischenspeicher für das Anlage- und Finanzierungsgeschäft. Dieser Zwischenspeicher ist ein spannendes Gebilde: Dank hohem Hebel auf eingesetztem Kapital, Fristentransformation zwischen Einlagen und Ausleihungen, resultieren automatisch Erträge.

Mit dem technologischen Fortschritt jedoch entstehen neue Geschäftsmodelle, die den Wert dieser Transformationsfunktionen in Frage stellen. Das Übernehmen von Losgrössen-, Fristen und Risiko-Transformationsfunktionen generiert heute keinen geldwerten Nutzen mehr für die Endkunden, weil sich komplementäre Bedürfnisse im Markt digital direkt finden lassen. Die eingegangenen Risiken dienen allein der Ertragsgenerierung in einem Risiko-Ertragsgerüst, das komplexe Regulierungen notwendig macht.

Es entstehen digitale Marktplätze, die den Zwischenspeicher «Bankbilanz» in Frage stellen. Diese Marktplätze bereiten Informationen so auf, dass Angebot und Nachfrage für die verschiedensten Bedürfnisse in Bezug auf Losgrössen, Fristen und Risiken direkt zwischen Endkunden zusammengeführt werden.

 

Marktplätze für verschiedene Kundenbedürfnisse

Neben den global agierenden Techgiganten sind das Fintech Start-ups und die agilsten Banken selbst. In der Schweiz sind für die Aktivseite der Bankbilanzen diverse Marktplätze aktiv oder im Aufbau:

  • Instimatch nimmt sich dem Geldmarktgeschäft an und baut ein globales digitales Netzwerk auf. Das Netzwerk bringt institutionelle Anbieter und Nachfrager kurzfristiger Liquidität zusammen. Ein Geschäft, das bisher bilateral zwischen Banken und den Finanzabteilungen von Firmenkunden stattfand.
  • Loanboox gewann mit seinem digitalen Marktplatz innert kürzester Zeit einen grossen Marktanteil für Ausleihungen an öffentlich-rechtliche Institute. Kapitalgeber sind Versicherungen, Pensionskassen – und Banken.
  • Diverse Plattformen nehmen sich des Konsumkredits an und greifen die hohen Margen der Konsumkreditbanken an.
  • Swisspeers bedient Unternehmenskunden mit Finanzierungsbedarf und bringt diese mit privaten und institutionellen Anlegern zusammen.
  • Im Hypothekargeschäft der Banken werden Auktionsplattformen wie Credex aufgebaut, die Hypotheken an Institutionelle vermitteln. Aufhorchen lässt die Ankündigung der UBS, ihr Marktplatzmodell Atrium auf Privathypotheken für selbst bewohntes Eigentum auszuweiten. Sie schafft gleichzeitig einen Bereich Digital Platforms & Marketplaces (NZZ 26.9.2019).

Bankbilanz vs Marktplatz

 

Die Konsequenz: Die Rolle der Bilanz als Zwischenspeicher für Retail- und Kommerzbanken wird weniger wichtig. Künftig wird die Kundenberatung den Kern einer Bank ausmachen und nicht länger die «Produktion» von Produkten über ihre Bankbilanz. Dabei werden die Beratungsleistungen weit über das heutige banktypische Angebot hinausgehen. Ein Beispiel ist der Einstieg von Raiffeisen in die Immobilienvermittlung (NZZ 18.10.2019).

 

Zentralisierung versus Dezentralisierung

Zentralisierte Marktplätze sind nicht das Ende der Entwicklung. Mit der Distributed Ledger-Technologie können die vermittelten Verträge in Smart Contracts abgelegt werden, die Zahlungsinformationen, Bonitätsinformationen oder Käufe und Verkäufe verarbeiten. So wird selbst die Relevanz der Marktplätze als zentrale Drehscheiben wieder abnehmen.

Offen ist, wie lange diese Transformation dauern wird und wie sich die beteiligten Techgiganten, Start-ups und Banken weiterentwickeln.

 

Dieser Artikel erschien zuerst in ähnlicher Form als Kolumne auf 10X10:

next generation invest

Author

Alwin Meyer

Gründer Fintech Startup swisspeers AG