Tiefen Zinsen: Was das für Anleger und Sparer bedeutet
In einem Blog-Beitrag vom 1. Dezember 2017 schrieb ich im ersten Satz:
Ein schlimmes Zinstief erleben die Besitzer von Spargeldern aller Art. Wenn es hier überhaupt noch ein klein wenig Zins gibt, kann man schon ein Freudenfest feiern.
Acht Jahre später liegt der Durchschnittszins auf Schweizer Sparkonten wieder bei 0.18 Prozent. Konkret: Bei 100'000 Franken auf dem Sparkonto ergeben sich 180 Franken Zinsertrag pro Jahr. Das deckt kaum die Gebühren.
Soll man jetzt alles Spargeld in KMU-Darlehen investieren? Eine Abwägung.
1. Warum das Sparkonto strukturell keine Rendite abwirft
Das Sparkonto erfüllt für Banken und Sparer Funktionen, die eine adäquate Verzinsung faktisch ausschliessen:
- Zeithorizont-Mismatch: Banken nehmen Ihr Geld auf Abruf entgegen (Sparkonto), verleihen es aber langfristig (Hypotheken). Neben dem Kreditrisiko gegenüber den Darlehensnehmern werden dadurch neue Risiken kreiert: u.a. das Risiko aus der Fristentransformation. Diese lukrative Brücke zu bauen, zwischen langfristiger Ausleihung und täglich fälligem Spargeld, ist komplex und kostet. Die Zinsmarge zwischen Einlagen und Krediten deckt u.a. diese Kosten.
- Liquiditätsprämie: Das Geld auf dem Sparkonto ist (in gewissen Limiten) jederzeit verfügbar. Diese Flexibilität hat ihren Preis: Zinsverzicht.
- Realwertverlust: Selbst bei der aktuell tiefen Inflation in der Schweiz von geschätzt 0.3% (z.B SNB) wird das Sparguthaben bei 0.18% Durchschnittszins real kleiner.
Das Sparkonto ist primär ein Liquiditätsspeicher, kein Renditeinstrument. Das Geld "steht bereit", erwirtschaftet aber keinen Mehrwert sondern verliert über die Zeit an Kaufkraft.
2. Warum Direct Lending höhere Zinsen bietet
Ein Rechenbeispiel macht den Unterschied greifbar:
Sie haben 100'000 Franken zu investieren. Nach 5 Jahren haben Sie auf dem Sparkonto (0.18%) rund 900 Franken verdient. Bei Direct Lending mit einer historischen Nettorendite von netto rund 3% wären es um die 15'000 Franken.
Die Frage ist: Was müssen Sie dafür in Kauf nehmen?
Diese Renditedifferenz erklärt sich durch drei Faktoren:
- Gebundenes Kapital: Das Geld ist in den Darlehen mit festen Laufzeiten gebunden, im Durchschnitt während 1.8 Jahren (Duration). Anders als bei einer klassischen Kassenobligation werden swisspeers KMU-Kredite jedoch monatlich amortisiert – Zins und Tilgung fliessen kontinuierlich zurück und können reinvestiert oder entnommen werden.
Sie geben also die vollständige Verfügbarkeit auf, erhalten aber trotzdem regelmässige Rückflüsse. Zusätzliche Flexibilität bietet unser Sekundärmarkt, über den Kredittranchen bei Bedarf auch vorzeitig veräussert werden können.
- Risikoübernahme: Im Gegensatz zum Spargeld tragen Sie das Kreditausfallrisiko direkt, werden dafür aber mit höheren Zinsen entschädigt (Risikoprämie). Bei der Bank und dem Spargeld ist noch das Eigenkapital der Bank, die Einlagensicherung und potentiell die Staatsgarantie dazwischen.
- Strukturvorteil: Ohne die teueren Bankapparaturen dazwischen fliesst der Zins direkt vom Kreditnehmer zum Kreditgeber. Weniger Zwischenschritte bedeuten weniger Kosten. Mehr dazu in diesem Blog-Beitrag.
3. Wer trägt das Risiko – und wer wird dafür entschädigt?
Der zentrale Unterschied zwischen beiden Modellen liegt in der Risikoverteilung.
- Sparkonto: Die Bank garantiert den Betrag im Rahmen der Einlagensicherung (CHF 100'000 pro Kunde und Institut). Sie übernimmt das Risiko. Im Gegenzug behält sie die Risikoprämie, die sie mit dem Geld erwirtschaftet. Sparer bezahlen für diese Sicherheit mit Renditeverzicht.
- KMU-Darlehen: Sie übernehmen die Rolle der Bank und tragen das Kreditrisiko direkt. Fällt ein Kredit aus, betrifft das Ihr Portfolio. Im Gegenzug erhalten Sie die Risikoprämie.
In der Praxis bedeutet das: Diversifikation. Wer 100'000 Franken auf mindestens 50 verschiedene KMU-Kredite verteilt, macht das Direct Lending Portfolio stabiler. Ein einzelner Ausfall wirkt sich nur minimal auf die Gesamtrendite aus und wird durch die Zinserträge der anderen Kredite ausgeglichen. Unsere Daten aus acht Jahren zeigen: Die historischen Ausfallraten (im Durchschnitt rund 2%) wurden durch die höheren Zinsen (im Durchscnitt 5% nach Kosten) risikoadäquat abgegolten.
Die Frage ist also nicht, ob Direct Lending "besser" ist als das Sparkonto – sondern was die Pläne des Anlegers sind im Sinne seiner Risikofähigkeit und seiner Risikowilligkeit. Sie entscheiden über den richtigen Mix, also die Asset Allocation.
Eine Frage der persönlichen Strategie
Die tiefen Zinsen von 2025 machen machen es deutlich: Höhere Rendite gibt es nicht gratis.
Zeit (Liquidität) und Sicherheit (Risiko) haben einen Preis.
Drei Fragen helfen bei der Einordnung:
- Wofür ist das Geld gedacht?
Notreserve für unvorhergesehene Ausgaben? Dann gehört es aufs Sparkonto. Kapital, das die nächsten 3-5 Jahre nicht gebraucht wird? Dann soll es arbeiten. - Wie viel Schwankung können Sie ertragen (individuelle Risikowilligkeit)?
Ein Kredit kann ausfallen. Das Portfolio kann in einem schwierigen Jahr eine leicht negative Rendite erzielen. Wer bei Schwankungen unruhig wird, sollte beim Sparkonto bleiben oder den Anteil entsprechend klein halten. - Wie gross ist der Anteil, der arbeiten soll?
Geraten wird oft : 3-6 Monatsausgaben als liquide Reserve (z.B. hier: moneyland), der Rest kann je nach Risikowilligkeit und Zeithorizont investiert werden. Direct Lending ist dabei eine Option für den konservativen bis moderaten Teil in der Asset Allocation eines Portfolios.
Schlussnote
Mein Artikel von 2017 war eine Momentaufnahme, doch die ökonomische Logik dahinter hat Bestand. Direct Lending ist heute keine Nische mehr, sondern ein etabliertes Werkzeug für einen Teil des Vermögens, der arbeiten soll, statt nur geparkt zu werden.
Wie gross dieser Teil sein soll, bleibt Ihre persönliche strategische Entscheidung.
